Deutsch-LK (Bertha) - Expedition ans Bertha

Zu Beginn der 12 verspürte ich das dringende Bedürfnis, mich statt wie bisher mit Ableitungen und Kurvendiskussion nunmehr mit den deutschen Dichtern und Denkern auseinanderzusetzen. Ich wurde somit also Opfer der altbewährten Kooperation mit dem Bertha-von-Suttner-Gymnasium. Opfer deshalb, weil mir von allen Seiten bestätigt wurde: „ Die am Bertha, das sind alles bessere Hauptschüler und Halbkriminelle.“ Mit einem etwas mulmigen Gefühl entschloss ich mich aber dennoch zu einem 2-jährigen Ausflug in die Oberhausener „Unterwelt“...

Bereits der erste Tag begann mit einer faustdicken Überraschung: Mit der durch kurze Pausen und dafür lange Wege verursachten Verspätung kam ich vor meinem künftigen Klassenraum an, klopfte mutig und in tapferer Erwartung des Schrecklichen an und betrat den Raum. Doch was war das? Ca. 20 Schüler, ganz normale Typen wie Du und ich, begrüßten mich freundlich, ohne Anstalten zu machen, mich anzugreifen und auszurauben. Im Gegenteil. Schon bald hatte ich nicht mehr das Gefühl ein Außenseiter zu sein, nach dem Motto: „Guck mal die da vom Heine!“, sondern wurde als gleichwertiger Kursteilnehmer voll integriert.
Auch das zweite Vorurteil, das Bertha sei eine bessere Hauptschule, wurde sehr schnell widerlegt.

Dies ist einem sehr netten „Lehrkörper“ namens Gerd Horstmann zu verdanken. Sein Unterricht gestaltete sich sehr abwechslungsreich zwischen Ruhephasen, nämlich genau dann, wenn einige Kursteilnehmer wieder einmal kurz davor standen, bei Talkshow würdigen Diskussionen à la „Ich bin das Kind geschiedener Eltern und Bettnässer“ auf einander loszugehen - für uns alle überraschend gab es dann doch keine Toten- und wiederum lernintensiveren Phasen, wenn unser Lehrer uns „ausnahmsweise“ mit Tonnen von Papier versorgte, um mit uns anhand zahlreicher praktischer Beispiele die deutsche Literatur zu er- bzw. überleben. Er ersparte uns übertrieben langwierige( bzw. -weilige) Ausführungen über Epochen, Literaturgeschichte und sonstige trockene Theorie, statt dessen fand er meistens recht ansprechende literarische Werke. Selbst das teilweise nicht mehr ganz zeitgemäße Pflichtprogramm, wie zu Beispiel den „Werther“, verstand er, uns schmackhaft zu machen, wobei ihm da vor allem seine Menschlichkeit, seine Toleranz unseren Ansichten gegenüber und sein großes Einfühlungsvermögen zugute kamen. Welch ein Unterschied zum Deutsch-LK am Heine!

Die Noten wurden uns dann aber doch nicht nachgeschmissen und so nehme ich neben viel neu erworbener Menschenkenntnis, einigen netten, neuen Bekanntschaften und sogar Freundschaften auch umfangreiche Fachkenntnisse mit aus diesem Kurs. Mein Deutsch-LK am Bertha wird mir immer in Erinnerung bleiben, als eine besonders wertvolle Erfahrung. Danke!

Kathrin S.-K.