LK Geschichte Tobergte - Eine gute Zeit oder Fama waltet ihres Amtes

„Ich sah aus dem Meer ein Tier aufsteigen, das hatte zehn Hörner und sieben Köpfe und auf seinen Hörnern zehn Kronen und auf seinen Köpfen Namen voll Lästerung.“ (Offenbarung des Johannes 13,1)

Wobei relativierend anzumerken bleibt, dass derartiger organischer Materialaufwand keineswegs nötig war, um einen nicht unwesentlichen Teil der damaligen Jahrgangsstufe 11 die eigene Schullaufbahn in einer dem Johannes zumindest kongenialen apokalyptischen Vision aufgehen sehen zu lassen. Die von bibelkundigeren Zeitgenossen an dieser Stelle selbstverständlich sofort ins Spiel gebrachte ominöse 666 nahm hier höchstwahrscheinlich einen vergleichsweise geringen Stellenwert ein - auf profan irdische Verhältnisse übertragen, stellt sie laut „Tabelle zur Ermittlung der Durchschnittsnoten für die Abiturzeugnisse“ den obersten Grenzwert für einen Abschluss von 1,7 dar. Gerüchten zufolge bildeten im Gegensatz hierzu die einzelnen Ziffern der, von der Bibelkunde durchaus unverdächtigen Juvenilen gern zum Ausdruck der eigenen, schier abgrundtiefen Bösartigkeit und der dadurch entstehenden, von diesen zuweilen eine recht eigentümliche Duftaura um sich verbreitenden Mitschülern ausgehenden Gefahr für die bourgeoise Wertegesellschaft, auf die eigenen, meist aus Militärbeständen übernommenen Behältnisse für den Lernmitteltransport geschmierten Zahl einen durchaus wesentlichen Anteil der in jenen Tagen zu beobachtenden, von heftiger Gestikulation untermalten Flurgespräche. Noch heute ist diese Ziffer bei einmaligem Auftauchen in der zweimal jährlich ausgegebenen „Bescheinigung über die Schullaufbahn“ gleichbedeutend mit dem Abschied nicht vom Diesseits, so aber doch von der Herdwärme der heißgeliebten eigenen Jahrgangsstufengemeinschaft und dem Neuanfang in niederen, häufig durch in der Vergangenheit nicht eben wählerisch zum lebhaften Ausdruck gebrachte Animositäten etwas aufgewühlten Gewässern.
Um zum bevorstehenden Armageddon zurückzukehren - zur Auslösung der oben bereits zitierten Endzeitstimmung genügte ein Name, der prosaischerwise nicht einmal dem schuleigenen Biotop, sondern lediglich dem Artikulationsorgan diverser Mitglieder des Lehrkörpers entschlüpft war - was den Betroffenen jedoch nicht die Möglichkeit zum Studium einer den allseits beliebten angesprochenen Tümpel an Artenreichtum bei weitem übertreffenden Fauna und Flora verwehrte, wie einige durch höhere Gewalt an der rechtzeitigen Flucht gehinderte Leidgeprüfte stockend zu berichten wussten; die Formulierung von der „dentistischen Fundgrube“ zählte hier zu den vergleichsweise sensiblen Umschreibungen.
Der durch derartige Indiskretionen einmal gefallene Name der den zukünftigen Leistungskurs Geschichte leitenden Lehrkraft rief beim Gros der ambitionierten Junghistoriker eine kollektive, geradezu epidemisch um sich greifende Meditationswelle hervor, die viele dem esoterischen Zeitgeist gegenüber bis dato eher kritisch einzustufende Geister dem verborgenen Ich näher brachte als jemals zuvor. Böswilligere Beobachter mutmaßten, es müsse sich hierbei angesichts der kontemplativ zutage geförderten Vorlieben für bisher lediglich mit Reaktionen, deren Sparte die gesamte Bandbreite gewöhnlich zum Ausdruck etwaiger Geringschätzung angewandter Gemütsäußerungen - vom müden, die eigene überlegene Position der Überlegenheit charakterisierenden Lächeln bis hin zu dem Anspruch der Bösartigkeit voll gerecht werdenden Verfemungen in Richtung der die Vorzüge der jeweiligen Fachgruppe standhaft verfechtenden Minderheiten - bedachten Stiefkindfächer. Als weiterer Beleg für die Existentialität des kollektiven Selbsterfahrungstrips dürfte die geradezu unwiderstehliche Sogwirkung, die diverse in das Dienstleistungsangebot einer gewissen, bisher ebenfalls lediglich unter besonders desavouierendem Hochziehen der Augenbrauen erwähnten anderen Alt-Oberhausener Bildungsanstalt integrierte Leistungskurse über Nacht auf die von der Welle des Zen-Buddhismus erfassten, zuvor den geistigen Abstand zur erwähnten Bildungsanstalt stets vehement wahrenden Altertümler ausübte.
Kurz und gut, die plötzliche Breitenwirkung asiatischer Meditationskunst, die ihren Niederschlag Angaben der ortsansässigen Buchhandlungen zufolge unter anderem im rasant steigenden Absatz bisheriger Ladenhüter wie „Der Weg zum Ich - ein Leitfaden für Alltagsmüde“ fand, löste eine allgemeine Fluchtwelle aus; die den Begriff der Fuga erstmalig in seiner vollen Bedeutung Realisierenden fanden heimatliche Gefilde in umliegenden Kursen und wurden mit dem damals gehäuft verwandten Schlagwort der „klugen Entscheidung“ aufgenommen, wobei, um nochmalig die biblische Thematik in Kontrast zur beschriebenen Popularität asiatischen Religionsgutes zu setzen, dem Exodus weder Rotes Meer noch von Furien getriebene ägyptische Staatsmilizen entgegenstanden, allein verbraucherfreundliche, mit dem Titel des Oberstufenkoordinators geschmückte Pädagogen unterwarfen die abtrünnigen Eleven einer intensiven Gewissensprüfung, was diese als letzte Hürde aufgrund des durch die zitierten Praktiken gewonnenen Einklangs mit der eigenen Seele durch aufrichtige Plädoyers für das angestrebte fachliche Neuland in überzeugender Manier meisterten. Wer das von ihm angestrebte gelobte Land erreicht hatte, widmete sich am Wochenende nicht goldenen Kälbern, so aber doch diversen anderen Formen des Ausdruckstanzes, denen ebenfalls eine gewisse Ritualität nachgesagt wird...
Da die Geschichte sich bekanntermaßen weder aufhalten noch in das zu studierende Handwerk pfuschen lässt, war an einem Februarmorgen im Jahr des Herrn 1997 der Tag gekommen, der seine stetig schwärzer erscheinenden Schatten nun nicht mehr länger voraus warf, sondern der verbliebenen Schar der Aufrechten das aus bisher nicht erahnter Kreativität einiger schadenfroher Zeitgenossen entsprungene Schreckensszenario zweieinhalbjähriger bitterer Fron bringen sollte - die inzwischen unentrinnbar feststehenden Leistungskurse sollten ihren Betrieb aufnehmen. Zu welchen prozentualen Anteilen sich der verbliebene Restbestand aus Illusionisten, puren Idealisten oder am Ende gar objektiv gesonnenen, durch im Laufe der Sekundarstufe 1 gemachte Erfahrungen eines Besseren belehrten Geschichtsliebhabern zusammensetzte, lässt sich aus der Retrospektive nicht mehr auseinanderdividieren. Belegbar und somit festzuhalten bleibt lediglich eine gewisse Beklommenheit, die der Schreiber dieser Zeilen empfand, war er doch wenige Tage zuvor von der nun jeden Augenblick zur Aufnahme des Lehrbetriebs im Türrahmen erwarteten Erscheinung während der Pause entschieden an der Beförderung eines schuleigenen Sitzmöbels durch den freien Raum gehindert worden.
Nun, die vermeintlich letzten Augenblicke köstlicher Freiheit verstrichen, wurden gierig geatmet ; schöngeistig veranlagte Schüler erinnerten sich der List, die den Odysseus in der Höhle des Zyklopen, im übrigen die wohl geschmackloseste Verhöhnung Körperbehinderter vor „Ein Fisch namens Wanda“, vor Entdeckung und den damit unweigerlich verbundenen unangenehmen Folgen bewahrt hatte, und entwarfen im Stillen analoge Strategien - Freunden der griechischen Mythologie sei erklärend beigebracht, dass sich nach Abschluss der ersten Stunden selbstverständlich kein Träger des Rufnamens „Niemand“ auf der dafür mit anderen Kuriositäten angereicherten Kursliste fand, die beschriebenen Schöngeister entwarfen ihre Strategie in dem, wie sich herausstellen sollte, fatalen Irrglauben, schlichtes Schweigen biete ebenfalls die Chance der Nichtentdeckung.
Schließlich betrat SIE den Raum.
Selbst detailgetreue Beobachter beteuerten später, sie hätten weder einen der fehlenden neun Köpfe entdecken können, noch eine hereinwehende apokalyptische Atmosphäre ausmachen können. Auch im Zuge gewisser prämaturialer, sich zuweil ein wenig emotional gegen verschiedene Mitglieder des Lehrkörpers richtender Phobien konnte sich keines der Kursmitglieder, deren personeller Bestand freilich der andernorts ebenfalls auftretenden Fluktuationsbewegung unterworfen war, erinnern, geistig oder körperlich misshandelt worden zu sein, niemand fühlte sich aus diesen oder anderen vermeintlich stichhaltigen Gründen bewogen, sich auf das Haager Landkriegsrecht zu berufen, und selbst zur Verifizierung derartig gewagter Aussagen heranzuziehende Hobbytherapeuten, von deren Volkshochschulformat sich ein rege blühender Bestand in den pädagogischen Elfenbeintürmen nicht nur dieser Anstalt herauszubilden scheint, werden sich imstande sehen, posttraumatische Anomalien oder negative Beeinflussungen des Über-Ich an uns zu diagnostizieren. Gewisse Angsterscheinungen tauchten zyklisch mit den bevorstehenden Klausuren auf und erwiesen sich an dieser Stelle zumeist als ebenso unbegründet wie in Bezug auf im Vorfeld häufig gemutmaßte, Justitias Waage ad absurdum führende Beurteilung.
Hinter uns liegen vielmehr fünf Kursabschnitte, die, was, anders als so mancher bildungspolitische Tenor dies heute behaupten will, niemandem zur Schande gereicht, aus zum Teil harter Arbeit bestanden. Wir wurden, teilweise erstmalig in der abgeschlossenen Schullaufbahn, gefordert, uns mit hohen Ansprüchen auseinanderzusetzen und diese zu erfüllen. Aufgrund des Zeitpunktes der Veröffentlichung sind diese Zeilen frei von jeglichem Verdacht der nachträglichen Stilisierung; was bleibt, ist eine offene, kritische Bestandsaufnahme des Gewesenen.
Wir bekamen anspruchsvollen, engagierten Unterricht geboten und lernten Frau Tobergte während der vergangenen Jahre als eine der wenigen Vertreterinnen ihrer Zunft kennen, deren Interesse und Engagement über das reine Maß des Curriculum hinausgehen. Schätzen lernten wir weiterhin die immer wieder erfolgte Verknüpfung des vermeintlich so trockenen Faches Geschichte mit aktuellen Bezügen. In dem Bemühen, den Blick für gegenwärtige Problematik zu schärfen, sicher nicht durchgängig auf Gegenliebe stoßend, wofür die Gründe im Kontext der nun einmal gegebenen Schüler - Lehrer-Beziehung zu suchen sind, entstand ein positives, sich in Projekten wie der anlässlich des Newton-Vortrages durch den Kurs selbst entwickelten sowie zur Aufführung gebrachten Theatercollage oder regelmäßige Ausflüge zum Halbjahresende, die sich zum Ende hin als der Attraktivität des Bonner Hauses der Geschichte durch einen gewissen Abnutzungseffekt ein wenig abträglich zeigten, äußerndes Klima im Kurs, das, um an dieser Stelle dem Vorwurf der Schönmalerei zu begegnen, selbstverständlich nicht frei von üblichen im Stillen wie im lauten Zorn ausgestoßenen Flüchen und Verwünschungen, die durchaus dem Repertoire eines gesunden Verhältnisses zwischen der Schülerschaft und der zuständigen Lehrkraft zuzurechnen sind.
Wir haben in zweieinhalb Jahren Leistungskurs Geschichte einen persönlichen wie fachlichen Zugewinn erfahren, wurden mit der, was inzwischen als Binsenweisheit umgeht, vor allem in unserem schönen Bundesland wichtigen Erfahrung konfrontiert, Leistung bringen zu müssen, die sich lohnte. In der Position stehend, sowohl menschliche wie auch fachbezogene Komponenten objektiv beurteilen zu können, bezeichne ich die Zeit in unserem Geschichtskurs als absoluten Gewinn.

Die Spezies des engagierten Lehrers, so zusammenfassend unsere Erfahrung, ist nicht ausgestorben. Die Anhäufung teils dummer, weil nicht auf hinreichender Erfahrung basierender, teils schlichtweg böswilliger Klischees trägt nicht eben zu einer Ausweitung der Population bei.

Christoph H.

Von links: Britta Q., Toni XXX, Shireen D., Agnes C., Denise F., Linda H., Antje N., Sascha F., Konstantin K., Jenny F., Christoph H., Johanna R., Ingo W., Cengizhan D., Katrin P., Frau Tobergte