Schlusspunkt

Von der Redaktion mit dem durchaus vielfältig interpretierbarem Arbeitsauftrag, Resümee zu ziehen, bedacht, drängt sich mir die Erkenntnis auf, dass ein von mir in der Hoffnung, ihn so vom - laut Aussagen diverser Patentanten, berufener Lehrkräfte sowie der Metzgersfrau von nebenan - für mich reichlich zukunftsschweren Horizont vertreiben zu können, durch stoische Nichtbeachtung gestrafter Gedanke sich zum handfesten Faktum entwickelt hat: Es geht zu Ende. Resümee - stets willkommene Gelegenheit für selbstberufene Sonntagsredner, zum stimmungsgeladenen seelischen Zapfenstreich anzuheben, doch beschleicht mich ein gewisser innerer Widerwille, an dieser Stelle die kollektive Wehmutsmaschinerie in Gang zu setzen. Ich hörte vor kurzem jemanden sagen, ich sei ja noch recht jung. Gern, so fiel mir auf, werden derlei Zeilen auch von so genannten kritischen Geistern als Plattform für meist eher mit einer gewissen elefantösen Grazie denn der dem eigenen Anspruch gerecht werdenden Finesse daherkommende letzte Nadelstiche okkupiert. Vielfältige Möglichkeiten für Geister aller Couleur, so scheint mir, sich rückwirkend noch einmal ins rechte Licht zu setzen, Hundertprozent gesinnungskompatibel. Und nun? Von einer ereignisarmen Zeit zu sprechen, würde den vergangenen drei Jahren, der von uns Seit’ an Seit’ durchkämpften Sekundarstufe 2, auf die ich mich hier, von einigen markanten Ausnahmen einmal abgesehen, mit Rücksicht auf den Umfang beschränken möchte, nicht ganz gerecht.
Da war doch so einiges...

Die Schule

Ja, von dem uns alle neun und mehr Jahre geheizte wie ungeheizte Räumlichkeiten bietenden Gebäude soll hier die Rede sein. Ich kann es nicht beschwören, bin mir jedoch ziemlich sicher, in einigen Dekaden nicht dieses Gefühl zu verspüren, das bedeutende Persönlichkeiten oder als solche Angekündigte immer wieder bei gegebenem Anlass für sich reklamieren, nämlich dass beim Gedanken an die einst von ihnen besuchte Bildungsanstalt noch immer der traumatische Geruch getrockneter Kreide und der alpdruckartige Anblick endloser Flure, auf denen die Persönlichkeit in spe mit der Hand auf der Klinke stehen musste, jegliche positive Nostalgie zunichte machten. Ich glaube, ich werde mich an den Pavillon erinnern, der einem leidenschaftlichen Neusprachler mehrmals durch rätselhafte Außeneinwirkung zum unentrinnbaren Verließ wurde. Damals lernten wir eine Menge uns bis dato unbekannter englischer Kraftausdrücke. Ich bedaure bis heute, nicht dabei gewesen zu sein, aber ich denke, einige von euch werden immer dieses harmlose Fenster vor Augen haben, an das sich der gute Dominik eines schönen Frühlingstages arglos lehnte, und das den einzigen Fehler hatte, ebenfalls nur angelehnt zu sein. Der Musikraum wird sich meinem inneren Auge immer nur durch die langsam abziehenden Rauchschwaden des soeben detonierten Knallkörpers darstellen, verbunden mit dem fassungslosen Gesichtsausdruck des dienstältesten Musikpädagogen. Das Gebäudeinventar wird sich rückblickend auf den Schrank reduzieren, mit dem sich ein frankophiler Freiherr, seines Zeichens Geschichtslehrer wie Großgrundbesitzer, zehn Minuten lang angeregt unterhielt und sich in seinem Glauben, im Schrank sitze tatsächlich ein armer Mitschüler gefangen, auch durch rasant an Lautstärke gewinnende Lachsalven in seinem Rücken nicht beirren ließ. Die Tische hingegen, liebevoll verziert durch die Onaniephantasien mehrerer Generationen von unter prä-, post- sowie mittendrin-pubertären Syndromen leidender junger Werther, werde ich hoffentlich bald vergessen haben. Ach ja, und dann gab es da noch die dem Schulgebäude gegenüber liegende Behausung einer ca. 200 Jahre zu spät geborenen potentiellen Buhle Goethes. Diese sich mir allmorgendlich auf dem Weg in die Anstalt darstellende Trutzburg klassisch-humanistischer Bildungskompetenz wird mir Inbegriff der eigenen Geringfügigkeit bleiben.  Aber hier beginnt die tunlichst zu vermeidende, uns in den schmachtenden Blicken darin schwelgender Anverwandter immer schnell langweilende Lausbubenromantik einzusetzen, weswegen hier das Stichwort gewechselt wird.

Das Personal

Ich denke, das nutzt sich irgendwann ab - ja, das Personal auch - und vermute den hier entstehenden Ausführungsbedarf bereits durch die übrigen Teile der Ausgabe hinreichend abgedeckt. Hierauf noch in der Abschlussbemerkung einzugehen, wäre wahrlich manchem zu viel der ganz und gar nicht gebührenden Ehre getan. Und doch kann ich die in mir entstehende Lust nicht unterdrücken, nochmals an den bereits erwähnten Neusprachler zu erinnern, den wir verdammten Arschlöcher zur rasenden Wildsau mutieren ließen. Ebenso unvergessen wie der Moment, in dem sein Jackett sich im zufällig von der Decke herabhängenden Angelhaken verfing und die sich anschließende Tobsuchtsorgie - im Übrigen noch als recht harmlos einzustufen, man denke nur an den Spanischschüler mit der doppelten Identität - sollte seine Brandrede für die Erotik im Zeitalter der Globalisierung bleiben. Wo wir gerade bei ihm sind - der Sack von einem Judas, der damals den Trick mit der Klausur verraten hat, möge beim Lesen dieser Stelle zumindest eine gewisse Scham empfinden. Im Fegefeuer wird er ohnehin schmoren. Wenn wir Dich erwischt hätten, Freundchen... Ach, dem Schülerfreund Wolfgang S. sei an dieser Stelle endlich der schamlose Aktzeichner vom Europaseminar enttarnt. Ich war’s.

Stress

Liebe Freunde des herzhaften Stöhnens, die ihr so schön das Gesicht unter der Last des schulischen Alltags verzerren konntet - so schlimm war’s doch gar nicht. Oder? Wenn doch, würde sich eine nicht unbeträchtliche Zahl Mitschüler ärgern, etwas verpasst zu haben. Na, euch sei’s im Nachhinein gegönnt, auch wenn mir irgendwie nichts fehlte. Ihr wart zumindest immer abschreckendes Beispiel dafür, wie schwer man sich das Leben doch machen kann. Seid nicht böse, aber ich bin sicher, Ihr habt eigentlich ein ganz wunderbares Lächeln.

School’s out

Was gäbe es hier nicht alles zu sagen. Naja, vielleicht besser nicht zu sagen. Wie dem auch sei, bei einigen von euch wird es einfach immer gleichgültig bleiben, ob sie mir in Nadelstreifen oder Strickjacke gegenübertreten, ich werde immer nur die völlig entblößten, auf einem gigantischen Scherbenhaufen ekstatisch tanzenden Jünglinge sehen, die dann juchzend ins Eiswasser des nächtlichen Stadion Niederrhein hüpften. Auf Tischen wurde getanzt, so hörte ich gerüchtehalber, Toilettentüren ihrer Unschuld beraubt. Auf die Gefährdungen, denen unbescholtene Taxifahrer durch fahrerflüchtige Radfahrer ausgesetzt sind, sei hier gar nicht erst eingegangen. Natürlich, auch die Oberhausener Kleingärtner werden so manchen von uns in lebhafter Erinnerung behalten, ebenso wie sämtliche umliegende türkische Feinkosthändler den Namen eines zukünftigen Informatikstudenten auf ihren Index gesetzt haben dürften. War aber auch ein unbeherrschtes Benehmen, das Du an dem Abend an den Tag gelegt hast. Und vor allem undankbar - wir hätten Dich schließlich gar nicht erst in den Laden reintragen müssen. Es sei Dir vergeben. Nicht so leicht vergeben haben dürfte einem anderen Stufenmitglied der Nachbar, der sich eines Abends aus dem Fenster beugte, um den Erzeuger jener seltsam würgenden Geräusche am Fenster der oberen Etage auszumachen. Du musstest ihn ja auch partout ins Gesicht treffen. Nicht besonders gewagt erscheint die Mutmaßung, vom hier aufgezählten dürften sich in der Retrospektive allenfalls fragmentarische Versatzstücke finden. Oder könnten die Outdoorfetischisten unter Euch später ihren Nachwuchs an die Gebüsche, Bahnsteige oder Hauseingänge führen, die ihren Erzeugern weniger aus Heldenmut denn aus Unfähigkeit zur weiteren Fortbewegung einst als provisorische Nachtquartiere dienten ? Na ja, über weitere Anekdoten, die hier unter dem Stichwort „Bacchantisches Treiben“ zusammengefasst sein mögen, sei der Mantel des Schweigens nicht allein aus Mangel an Seiten, die damit zu füllen wären, gebreitet.

Nur einmal im Jahr ist Karneval...

Und das ist besser so.

Auf großer Fahrt

Ja, auch die große weite Welt blieb nicht von kurzen Stippvisiten verschont. Wurde nicht die englische Metropole - sie sah schon Könige dahinscheiden - Zeugin einer auch auf dem Kontinent Wellen schlagenden Tragödie um den Erben eines lokalen Schokoladenimperiums, dem die dunkelsten Elemente des Westends sein Hab und Gut neideten? Und sah nicht das Florenz Michelangelos und Brunelleschis den womöglich entsetztesten Gesichtsausdruck der westlichen Hemisphäre, dargeboten von Il Maestro Theo Sartoris? Letzterer hatte von unserem Tütenwein gekostet. Im wunderschönen Herzen der Toskana spielte sich denn auch jene denkwürdige Szene ab, deren Hauptakteur, ein moralisch integrer Florentiner, bedauerlicherweise überstürzt die Flucht ergriff, als er von jungen deutschen Touristen gebeten wurde, eine spontan inszenierte frühabendliche (Fast)nacktbadeorgie in diesem schönen, an der Hauptverkehrsader gelegenen Barockbrunnen auf Zelluloid zu bannen.  Ach so, Marc, tut uns leid, das mit den Chips. Und dem Badezimmer.

Love is all around...

Jaja, die Himmelsmacht bewirkte natürlich auch bei uns die Knüpfung zarter Bande. Gehe ich zu weit, wenn ich an dieser Stelle dezent auf den schmalen Grad zwischen zart und fragil hinweise? Wir sahen rote Rosen und fliegende Teller, was überwog, mag individuell entschieden werden. Wie jäh gerade erst aufkeimende Gefühle jedoch schon wieder welken können, bewies erst vor kurzem eine schlagkräftige junge Dame, die sich in Reaktion auf gewisse verbale Absonderungen des Angebeteten, die, um dem Anspruch der Objektivität Genüge zu tun, nun wirklich nicht den Charmeur in ihm charakterisierten, zu allem entschlossen zeigte. Das Klatschen wird mir stetes Mahnmal zu formvollendetem Kavalierstum sein. Aber ich geb’ den beiden Täubchen noch eine zweite Chance. Glaubt ihr nicht?

Noch so viel wäre zu erzählen, schloss der Chronist mit Wehmut. Seht Ihr, da ist sie nun doch, es scheint nicht ohne zu gehen. Also besser, hier zu enden, alle weiteren, nicht mehr zählbaren Ereignisse, Tragödien, Absurditäten usw. werden ohnehin Gesprächsstoff für jedes Wiedersehen bieten. Also bis dahin. Punkt.

Christoph H.